Mehr Klartext wagen! | Katholische Kirche und die AfD: Ausgrenzung statt Nächstenliebe?

Mehr Klartext wagen! | Katholische Kirche und die AfD: Ausgrenzung statt Nächstenliebe?

- Anzeige -
Ein Kirchenjubiläum sollte eigentlich ein Fest sein. In Burglengenfeld ist daraus ein politischer Streit um Ausgrenzung und den Umgang mit Andersdenkenden geworden. 

Hintergrund: Pfarrer Michael Hirmer hat AfD-Mandatsträger bewusst nicht zum Festakt eingeladen. Er begründet das mit den politischen Positionen der Partei. Die AfD vertrete in vielen Bereichen eine völlig andere Haltung als die katholische Kirche. Besonders bei Menschenwürde, Inklusion und Integration seien ihre Positionen „inakzeptabel“. Das ist eine klare Haltung. Und die darf eine Kirche haben.


Aber darf daraus auch Ausgrenzung folgen?


Genau das kritisiert die AfD. Kreisvorsitzender Reinhard Mixl bezeichnete das Verhalten der Stadtkirche als einen „eklatanten Widerspruch zu den Grundsätzen einer christlichen Kirche“. Wer von Nächstenliebe, Toleranz und gesellschaftlichem Miteinander spreche, dürfe politische Diskriminierung „nicht zur Grundlage seines Handelns machen“. Das ist der Vorwurf, über den man reden muss. Nicht darüber, ob die AfD mit ihren politischen Positionen recht hat. Sondern darüber, ob Ausgrenzung mit dem christlichen Selbstverständnis vereinbar ist. Eine Einladung zu einem Kirchenfest ist kein Grundrecht. Ein Pfarrer darf grundsätzlich entscheiden, wen er einlädt. Aber wenn gezielt die Vertreter einer Partei ausgeschlossen werden, ist das eben auch ein politisches Signal. Und genau das ist fragwürdig.


Was bedeutet eigentlich „christlich sein“?


Christentum heißt nicht, jede politische Meinung gutzuheißen. Eine Kirche darf klare Grenzen ziehen. Sie darf Positionen kritisieren. Sie darf sagen, was sie für falsch hält. Das tut die katholische Kirche. Der Bistumssprecher Dr. Stefan Groß verwies auf eine Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2024. Sie trägt den Titel „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Darin grenzen sich die Bischöfe klar von völkischem Nationalismus und Rechtsextremismus ab.
Groß kommentierte den Konflikt mit den Worten: „Für die AfD oder die Kirche – beides zusammen wird schlecht funktionieren.“ Als Empfehlung an bestimmte Personen sei diese Aussage allerdings nicht gemeint, stellte er anschließend klar. Trotzdem bleibt eine Frage: 


Muss ein gläubiger Mensch wirklich zwischen seinem Glauben und seiner politischen Meinung wählen?


Eine Kirche kann die AfD ablehnen. Sie kann ihre Positionen scharf kritisieren. Sie kann deutlich machen, wo sie Grenzen sieht. Aber sie sollte aufpassen, einen Menschen nicht auf sein Parteibuch zu reduzieren.
Ein passendes Beispiel ist Arnold Bachl. Er ist nicht nur AfD-Stadtrat. Er ist auch Handwerker, Vater und jemand, der über Jahrzehnte mit der Kirche verbunden war. Seine Kinder wurden dort getauft und er hat als Handwerker für die Kirche gearbeitet. Seine Familie war über Generationen mit der Gemeinde verbunden. Man muss seine politische Meinung nicht teilen, um verstehen zu können, warum ihn die Entscheidung verletzt.
Bachl wirft der Kirche inzwischen Scheinheiligkeit vor. Sie solle lieber vor der eigenen Haustüre kehren. Gemeint sind die Missbrauchsfälle und der Umgang mit deren Opfern. Wer moralische Maßstäbe an andere anlegt, muss sie auch für sich selbst gelten lassen.
Trotz aller Vorkommnisse will Bachl gläubiger Christ bleiben. Auch ohne Kirche, sagt er. Eine bemerkenswerte Entscheidung. Denn vielleicht zeigt genau das, worum es eigentlich geht: 


Christlicher Glaube ist größer als eine Institution. Und ein Mensch ist größer als sein Parteibuch.


Inzwischen ist aus dem Streit sogar ein persönlicher Bruch geworden. Bachl ist aus der Kirche ausgetreten. Weitere AfD-Anhänger sollen seinem Beispiel gefolgt sein. Pfarrer Hirmer wollte die Entwicklung nicht mehr kommentieren. Gesprächsbereit bleibe er trotzdem. Bachl könne sich jederzeit bei ihm melden. Das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Eine Einladung kann man nicht einfordern. Eine politische Meinung kann man ablehnen. 


Aber die Tür zum Gespräch sollte offen bleiben.


Aus einer fehlenden Einladung sind Kirchenaustritte geworden. Das sollte beide Seiten nachdenklich machen. Auch die AfD. Eine Absage muss man aushalten können. Daraus sofort Rücktrittsforderungen an Pfarrer und Bischof abzuleiten, hilft niemandem. Wer Demokratie fordert, muss auch eine Entscheidung akzeptieren können, die einem nicht gefällt. Aber auch die Kirche sollte sich fragen, ob Ausgrenzung wirklich die beste Antwort auf politische Unterschiede ist.
Man könnte es noch zuspitzen. Wer AfD-Mitglieder offenbar nicht in der Kirche haben will, könnte doch konsequent sein. Ein Brief an alle bekennenden Mitglieder, mit dem Inhalt: Du zahlst brav deine Kirchensteuer, aber wir wollen dich nicht – hier hast du dein Geld zurück. Das klingt absurd. Ist es aber im Kern nicht genau das, was die Ausladung vom Festakt bereits symbolisch sagt? Dazu kommt eine ganz praktische Frage: Will eine Kirche, deren Bänke immer leerer werden, deren Mitgliederzahlen seit Jahren dramatisch schrumpfen, wirklich eine Bevölkerungsgruppe verprellen, die bundesweit inzwischen auf fast ein Drittel angewachsen ist?


Genau hier zeigt sich eine gewisse Doppelmoral.


Von Nächstenliebe, Toleranz und gesellschaftlichem Miteinander zu sprechen, ist leicht. Schwieriger wird es, wenn der Mensch gegenüber eine Meinung vertritt, die man selbst ablehnt. Denn im Kern geht es um eine einzige Frage: Kann eine bloße Meinung einen Menschen vor den Augen Gottes diskreditieren? Macht sie ihn unwürdig, geliebt zu werden? Ist Ausgrenzung, so gesehen, überhaupt mit christlichen Grundwerten vereinbar?


Was würde Jesus dazu sagen?


Er hat genau diese Frage einmal beantwortet – mit einer Geschichte. Nicht ein Priester, nicht ein Tempeldiener hilft dem Überfallenen am Wegrand, sondern ein Samariter, einer aus der verachteten Gruppe. Die Pointe: Der Nächste ist nicht, wer meiner Meinung ist. Der Nächste ist, wer handelt. Ist der AfD-Mandatsträger, dessen Positionen ich ablehne, nicht trotzdem mein Nächster?
Gerade dann müssten christliche Werte doch zeigen, was sie bedeuten. „Liebt eure Feinde", heißt es bei Matthäus – nicht: Ladet eure Freunde ein.  Vielleicht wäre ein Gespräch besser gewesen als eine Gästeliste. Denn christlich zu sein bedeutet nicht, mit jedem einer Meinung zu sein.


Vielleicht bedeutet es vielmehr, auch mit demjenigen im Gespräch zu bleiben, dessen Meinung man nicht teilt.


Christlich ist mehr als ein Parteibuch. (sg)

Magazin weitere Artikel

Nachgefragt: Illegale Reifendeponie im Wald bei Seedorf

Nachgefragt: Illegale Reifendeponie im Wald bei Seedorf

Wilde Reifendeponie im Wald bei Seedorf entdeckt – das Ordnungsamt Pentling ist informiert.

>> weiterlesen

Herbe Lektion für ´ausgemerkelte` CDU: Sachsen Anhalt pulverisiert „Brandmauer“

Herbe Lektion für ´ausgemerkelte` CDU: Sachsen Anhalt pulverisiert „Brandmauer“

Triumph für die AfD, Debakel für die 'ausgemerkelte' CDU: Der Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt bot Drama und bitteren Humor – samt tragischem Helden, Siegerpaar und Altparteien, die sich im Schutt ihrer Brandmauer gegenseitig die Schuld zuschieben.

>> weiterlesen

Regensburg im Trendguide 2026: Deutschlands Mittelalter-Perle macht Lust auf Stadturlaub

Regensburg im Trendguide 2026: Deutschlands Mittelalter-Perle macht Lust auf Stadturlaub

Der Marco-Polo-Trendguide 2026 kürt Regensburg zum Must-see-Ziel für alle, die historische Tiefe und Romantik ohne Städtestress suchen.

>> weiterlesen

Aus bayerischen Polizeiberichten | Arrach LKR. Cham: Tödlicher Arbeitsunfall bei Forstarbeiten

Aus bayerischen Polizeiberichten | Arrach LKR. Cham: Tödlicher Arbeitsunfall bei Forstarbeiten

Bei Forstarbeiten in Ottmannszell (Arrach) wurde ein 53-Jähriger von einem Baum erfasst und schwer verletzt. Er erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Kriminalpolizei ermittelt.

>> weiterlesen

Aus bayerischen Polizeiberichten | Regensburg: Bundespolizei nimmt gesuchten Deutsch-Russen am Hauptbahnhof Regensburg fest

Aus bayerischen Polizeiberichten | Regensburg: Bundespolizei nimmt gesuchten Deutsch-Russen am Hauptbahnhof Regensburg fest

Bei einer Kontrolle am Regensburger Hauptbahnhof nahm die Bundespolizei einen gesuchten 39-Jährigen fest. Der Mann saß wegen eines Bewährungsverstoßes ein und muss nun seine Haftstrafe antreten.

>> weiterlesen

Bundesweiter Warntag: Sirenen-Probealarm am 10. September

Bundesweiter Warntag: Sirenen-Probealarm am 10. September

Eine Minute lang schrillt es bundesweit durch die Straßen: Am Donnerstag, 10. September, testen Bund, Länder und Kommunen ihre Warnsysteme beim jährlichen Warntag.

>> weiterlesen

Aus bayerischen Polizeiberichten | Regensburg: Schlägerei im Diskothekenviertel – Zeugen gesucht

Aus bayerischen Polizeiberichten | Regensburg: Schlägerei im Diskothekenviertel – Zeugen gesucht

Schlägerei im Diskothekenviertel: 23-Jähriger Tunesier verletzt, Täter auf der Flucht.

>> weiterlesen

Brandanschlag in München: Aiwanger fordert mehr Sicherheit für Bayerns Wirtschaft

Brandanschlag in München: Aiwanger fordert mehr Sicherheit für Bayerns Wirtschaft

Brandsätze auf Baustelle in München – Aiwanger warnt vor wachsender Gefahr für Bayerns Wirtschaft.

>> weiterlesen

Spätsommer in Regensburg:  Was ist im September geboten?

Spätsommer in Regensburg: Was ist im September geboten?

Live-Musik im Alumneum-Innenhof, offene Türen bei historischen Bauwerken, Wein und Streetfood in Stadtamhof, Kunst zum Anfassen in der Altstadt und ein Staffellauf quer durch den Landkreis: Der September hat einiges zu bieten. Wir zeigen, wo ihr in den kommenden Wochen hin müsst.


>> weiterlesen

Nachgefragt weitere Artikel

Herbe Lektion für ´ausgemerkelte` CDU: Sachsen Anhalt pulverisiert „Brandmauer“

Brandanschlag in München: Aiwanger fordert mehr Sicherheit für Bayerns Wirtschaft

Ein Kommentar: Der Baum, der zu viel wollte

Autonomes Fahren: Waymo startet Testbetrieb in München – Aiwanger spricht von "Meilenstein"

Mehr Klartext wagen! | Katholische Kirche und die AfD: Ausgrenzung statt Nächstenliebe?

Mehr Klartext wagen! | Aiwanger warnt vor Winterlücke bei Gasspeichern und fordert Eingreifen des Bundes

Mehr Klartext wagen! | Aiwanger geißelt EU-Verpackungsverordnung als „Bürokratiemonster"

Mehr Klartext wagen! | Trotz Hitzewelle: Stadt verlängert Öffnungszeiten der Hundewiesen nicht

Mehr Klartext wagen! | Ceuta – ein Lehrbeispiel?

© Regensburger Stadtzeitung