
Kommentar: Der Baum, der zu viel wollte
Zum Glück gibt es das passende Gutachten. „Wenig erhaltenswert", steht da – eine Diagnose, die bei einem hundertjährigen Organismus mit sichtbar dichter Krone und aktivem Fledermaus-Kino ungefähr so überzeugend klingt wie ein TÜV-Gutachten, das einem gut erhaltenen Oldtimer wegen theoretischer Rostgefahr die Verschrottung empfiehlt. Aber wer wollte schon der Wissenschaft misstrauen, nur weil der Baum selbst offensichtlich nichts von seiner angeblichen Gebrechlichkeit weiß?
Besonders schön ist ja das Prinzip „Eigentumsrecht schlägt Baumrecht" – ausgesprochen von einer grünen Bürgermeisterin, wohlgemerkt. Das hat schon fast die Eleganz eines Zen-Koans: Der Baum darf bleiben, solange es dem Eigentümer recht ist. Und weil das eher selten der Fall ist, bleibt als Kompromissangebot der Stadt im Wesentlichen: Man bedauert es sehr. Ausführlich sogar, wie man hört, in mehreren Ämtern gleichzeitig. Bedauern ist bekanntlich CO2-neutral und kostet keine Baugenehmigung.
Auch hübsch: Der Gestaltungsbeirat, der from Amts wegen genau festlegen darf, wie eine Baulücke geschlossen werden muss – bis auf den Zentimeter, versteht sich. Nur beim Baum, der seit einem Jahrhundert an genau dieser Stelle wächst, fehlt plötzlich die gestalterische Fantasie. Vielleicht, weil ein Baum sich schlecht in ein Bebauungsplan-PDF pressen lässt.
Immerhin gibt es Hoffnung: Ein Gericht hat kürzlich einer anderen Regensburger Eiche attestiert, dass sie fürs Stadtklima ziemlich wichtig sei. Nicht rechtskräftig zwar, Berufung läuft, aber immerhin ein Achtungserfolg für die Bäume dieser Stadt – die inzwischen offenbar bessere Anwälte brauchen als mancher Mensch.
Bleibt Richard Schottenloher, der Mann mit dem Fledermaus-Video und der Klage. Sein Vorschlag: ein paar Wohnungen weniger, dafür eine Luftschneise und ein lebendiger Baum. Klingt vernünftig – weshalb er in dieser Debatte vermutlich der einzige ist, der wirklich beide Seiten mitdenkt. Der Feldahorn selbst hält sich derweil an sein bewährtes Programm: wachsen, Schatten spenden, Fledermäuse beherbergen. Trotzig unvernünftig, dieser Baum. Hundert Jahre alt und offenbar völlig beratungsresistent.
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- gepostet am: Montag, 31. August 2026








