
Mehr Klartext wagen! | Katholische Kirche und die AfD: Ausgrenzung statt Nächstenliebe?
Aber darf daraus auch Ausgrenzung folgen?
Genau das kritisiert die AfD. Kreisvorsitzender Reinhard Mixl bezeichnete das Verhalten der Stadtkirche als einen „eklatanten Widerspruch zu den Grundsätzen einer christlichen Kirche“. Wer von Nächstenliebe, Toleranz und gesellschaftlichem Miteinander spreche, dürfe politische Diskriminierung „nicht zur Grundlage seines Handelns machen“.
Das ist der Vorwurf, über den man reden muss.
Nicht darüber, ob die AfD mit ihren politischen Positionen recht hat. Sondern darüber, ob Ausgrenzung mit dem christlichen Selbstverständnis vereinbar ist. Eine Einladung zu einem Kirchenfest ist kein Grundrecht. Ein Pfarrer darf grundsätzlich entscheiden, wen er einlädt. Aber wenn gezielt die Vertreter einer Partei ausgeschlossen werden, ist das eben auch ein politisches Signal. Und genau das ist fragwürdig.
Was bedeutet eigentlich „christlich sein“?
Christentum heißt nicht, jede politische Meinung gutzuheißen. Eine Kirche darf klare Grenzen ziehen. Sie darf Positionen kritisieren. Sie darf sagen, was sie für falsch hält. Das tut die katholische Kirche. Der Bistumssprecher Dr. Stefan Groß verwies auf eine Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2024. Sie trägt den Titel „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Darin grenzen sich die Bischöfe klar von völkischem Nationalismus und Rechtsextremismus ab.
Groß kommentierte den Konflikt mit den Worten: „Für die AfD oder die Kirche – beides zusammen wird schlecht funktionieren.“ Als Empfehlung an bestimmte Personen sei diese Aussage allerdings nicht gemeint, stellte er anschließend klar. Trotzdem bleibt eine Frage:
Muss ein gläubiger Mensch wirklich zwischen seinem Glauben und seiner politischen Meinung wählen?
Eine Kirche kann die AfD ablehnen. Sie kann ihre Positionen scharf kritisieren. Sie kann deutlich machen, wo sie Grenzen sieht. Aber sie sollte aufpassen, einen Menschen nicht auf sein Parteibuch zu reduzieren.
Ein passendes Beispiel ist Arnold Bachl. Er ist nicht nur AfD-Stadtrat. Er ist auch Handwerker, Vater und jemand, der über Jahrzehnte mit der Kirche verbunden war. Seine Kinder wurden dort getauft und er hat als Handwerker für die Kirche gearbeitet. Seine Familie war über Generationen mit der Gemeinde verbunden. Man muss seine politische Meinung nicht teilen, um verstehen zu können, warum ihn die Entscheidung verletzt.
Bachl wirft der Kirche inzwischen Scheinheiligkeit vor. Sie solle lieber vor der eigenen Haustüre kehren. Gemeint sind die Missbrauchsfälle und der Umgang mit deren Opfern. Wer moralische Maßstäbe an andere anlegt, muss sie auch für sich selbst gelten lassen.
Trotz aller Vorkommnisse will Bachl gläubiger Christ bleiben. Auch ohne Kirche, sagt er. Eine bemerkenswerte Entscheidung. Denn vielleicht zeigt genau das, worum es eigentlich geht:
Christlicher Glaube ist größer als eine Institution. Und ein Mensch ist größer als sein Parteibuch.
Inzwischen ist aus dem Streit sogar ein persönlicher Bruch geworden. Bachl ist aus der Kirche ausgetreten. Weitere AfD-Anhänger sollen seinem Beispiel gefolgt sein. Pfarrer Hirmer wollte die Entwicklung nicht mehr kommentieren. Gesprächsbereit bleibe er trotzdem. Bachl könne sich jederzeit bei ihm melden. Das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Eine Einladung kann man nicht einfordern. Eine politische Meinung kann man ablehnen.
Aber die Tür zum Gespräch sollte offen bleiben.
Aus einer fehlenden Einladung sind Kirchenaustritte geworden. Das sollte beide Seiten nachdenklich machen. Auch die AfD. Eine Absage muss man aushalten können. Daraus sofort Rücktrittsforderungen an Pfarrer und Bischof abzuleiten, hilft niemandem. Wer Demokratie fordert, muss auch eine Entscheidung akzeptieren können, die einem nicht gefällt. Aber auch die Kirche sollte sich fragen, ob Ausgrenzung wirklich die beste Antwort auf politische Unterschiede ist.
Man könnte es noch zuspitzen. Wer AfD-Mitglieder offenbar nicht in der Kirche haben will, könnte doch konsequent sein. Ein Brief an alle bekennenden Mitglieder, mit dem Inhalt: Du zahlst brav deine Kirchensteuer, aber wir wollen dich nicht – hier hast du dein Geld zurück. Das klingt absurd. Ist es aber im Kern nicht genau das, was die Ausladung vom Festakt bereits symbolisch sagt? Dazu kommt eine ganz praktische Frage: Will eine Kirche, deren Bänke immer leerer werden, deren Mitgliederzahlen seit Jahren dramatisch schrumpfen, wirklich eine Bevölkerungsgruppe verprellen, die bundesweit inzwischen auf fast ein Drittel angewachsen ist?
Genau hier zeigt sich eine gewisse Doppelmoral.
Von Nächstenliebe, Toleranz und gesellschaftlichem Miteinander zu sprechen, ist leicht. Schwieriger wird es, wenn der Mensch gegenüber eine Meinung vertritt, die man selbst ablehnt. Denn im Kern geht es um eine einzige Frage: Kann eine bloße Meinung einen Menschen vor den Augen Gottes diskreditieren? Macht sie ihn unwürdig, geliebt zu werden? Ist Ausgrenzung, so gesehen, überhaupt mit christlichen Grundwerten vereinbar?
Was würde Jesus dazu sagen?
Er hat genau diese Frage einmal beantwortet – mit einer Geschichte. Nicht ein Priester, nicht ein Tempeldiener hilft dem Überfallenen am Wegrand, sondern ein Samariter, einer aus der verachteten Gruppe. Die Pointe: Der Nächste ist nicht, wer meiner Meinung ist. Der Nächste ist, wer handelt. Ist der AfD-Mandatsträger, dessen Positionen ich ablehne, nicht trotzdem mein Nächster?
Gerade dann müssten christliche Werte doch zeigen, was sie bedeuten. „Liebt eure Feinde", heißt es bei Matthäus – nicht: Ladet eure Freunde ein. Vielleicht wäre ein Gespräch besser gewesen als eine Gästeliste. Denn christlich zu sein bedeutet nicht, mit jedem einer Meinung zu sein.
Vielleicht bedeutet es vielmehr, auch mit demjenigen im Gespräch zu bleiben, dessen Meinung man nicht teilt.
Christlich ist mehr als ein Parteibuch. (sg)
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- gepostet am: Mittwoch, 26. August 2026







