Nachgefragt | Tödliches Erbe im Frauenforst

Nachgefragt | Tödliches Erbe im Frauenforst

Bildunterschrift: Luftaufnahme der bombardierten Messerschmittwerke im Regensburger Westen.

 

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Waldbesucher, aufgepasst! Noch immer befinden sich in den Wäldern um Regensburg tödliche Relikte des Zweiten Weltkriegs. Die Stadtzeitung informiert über einen aktuellen Fund, Hintergründe und richtiges Verhalten.

Am 30.05.2020 wurde die Stadtzeitung von besorgten Spaziergängern informiert, dass sich im Frauenforst zwischen Adlstein und dem Frauenhäusl ein Kampfmittelbeseitigungskommando aus Nürnberg befand.

Die Firma K.S. Tauber, spezialisiert auf Kampfmittelräumung, bestätigte auf Anfrage der Stadtzeitung einen entsprechenden Einsatz. Hier die Hintergründe!

Tödliche Handgranate MK2

Laut einem Sprecher der Firma Tauber handelte es sich bei dem Fund um eine US-amerikanische MK2 Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, eine sog. vorgespannte Nahkampfwaff e. Bei diesem Waff entyp blockiert nur ein kleiner Sicherungsstift die Zündung. Wird dieser entfernt, ist die Waff e sofort scharf und detoniert zeitverzögert nach ca. 4 Sekunden. Das Kampfmittel wurde von den Experten begutachtet. Da sich der Sicherungsstift infolge von Korrosion in einem sehr fragilen Zustand befand und die Waffe somit nicht mehr sicher verlagert werden konnte, entschlossen sich die Fachleute zu deren Sprengung vor Ort. Nicht auszudenken, wenn ein unachtsamer Spaziergänger oder Schwammerlsucher die Handgranate versehentlich bewegt oder leichtsinnig aufgehoben hätte: Im Umkreis von 20 m gilt die Waffe als absolut tödlich.

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Hintergrund: Todesapril 1945

Besonders in strategisch wichtigen Städten oder Gebieten kommt es noch immer zu zahlreichen Kampfmittelfunden aus dem Zweiten Weltkrieg. In Regensburg wurden von den Alliierten vor allem der Bahnhof, die Messerschmitt-Werke im Stadtwesten, der Osthafen und der Fliegerhorst in Obertraubling bombardiert. In der Umgebung war vor allem die Donau Schauplatz heftiger Infanteriekämpfe. Denn im April 1945 wurde das XX. US-Corps in die Oberpfalz befohlen. Von Norden und Süden sollte die Donau unter amerikanische Kontrolle gebracht und überschritten werden. Der Augenzeuge Robert Bürger erarbeitete 1983 in Zusammenarbeit mit dem bischöfl ichen Ordinariat und der Universität Regensburg einen detaillierten Bericht über die Kampfhandlungen.

  • Marschrouten der Amerikanischen Truppen durch den Frauenforst. Rot markiert: Regensburg. Die Gelbe Route führt durch den Frauenforst an die Donau und stößt in Poikham und Matting auf Widerstand. Die Grüne Route verläuft durch den Frauenforst, nach Kelheim über die Donau.

    Marschrouten der Amerikanischen Truppen durch den Frauenforst. Rot markiert: Regensburg. Die Gelbe Route führt durch den Frauenforst an die Donau und stößt in Poikham und Matting auf Widerstand. Die Grüne Route verläuft durch den Frauenforst, nach Kelheim über die Donau.

    © Robert Bürger: Regensburg in den letzten Kriegstagen. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg (= Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg. Band 123). Verlag des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 1983, ISBN , S. 379–394 URL: https://www.heimatforschung-regensburg.de/2188/1/1220708_DTL1763.pdf

  • Idyllisches Paradies mit tödlichen Gefahren – Kampfmittel befinden sich noch zahlreich in den Wäldern in und um Regensburg.

    Idyllisches Paradies mit tödlichen Gefahren – Kampfmittel befinden sich noch zahlreich in den Wäldern in und um Regensburg.

    © Pia Turainsky

    Glück im Unglück: Regensburg blieb fast unzerstört

    Der Widerstand, den die amerikanischen Truppen an der Donau antrafen, war unerwartet heftig und so verzögerte sich ihr Vorrücken auf Regensburg um gut 30 Stunden. Genau in dieser Zeit änderte sich dort die Position der Nationalsozialisten: von Verteidigung der Stadt bis zum bitteren Ende, hin zu ihrer Aufgabe und dem Abzug der sich in ihr befi ndlichen Truppen Richtung Landshut und München. Als die Amerikaner schließlich Regensburg erreichten, wurde ihnen die Stadt kampfl os übergeben und blieb so nahezu unzerstört. 30 Stunden haben über das Schicksal Regensburgs und seiner Bürger entschieden.

    Nachkriegsbayern: Todesstrafe auf den Besitz von Waffen

    Warum kommen 75 Jahre später immer noch Kampfmittel in den Regensburger Wäldern zum Vorschein? Im Gespräch mit der Firma Tauber wird klar, dass während der heftigen Gefechte viele Waff en einfach liegen blieben und in der Folgezeit von Ästen, Blättern und Humus sehr schnell überdeckt wurden. Zudem wurden gerade in der frühen Nachkriegszeit oftmals Waff en und Munition von der Bevölkerung heimlich in den Wäldern entsorgt, da auf ihren Besitz die Todesstrafe stand. Diese Hinterlassenschaften schlummern heute noch als tödliche Gefahr im Boden. (pt)

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    Waffenfund im Wald: Was tun?

    Wer zufällig auf solche Relikte stößt, sollte unbedingt wissen, was zu tun ist:

    1. Waffe/Munition liegen lassen und nicht berühren. Waffe/Munition aus Versehen aufgehoben? Ganz vorsichtig an Ort und Stelle wieder ablegen. NICHT WERFEN!
    2. Abstand halten.
    3. Markierung und Sicherung der Fundstelle.
    4. Erschütterungen vermeiden.
    5. Warnung sich nähernder Personen.
    6. 110 wählen/ Polizei informieren.
    7. Anweisungen der Polizei befolgen.
    8. Auf Einsatzkräfte warten und Fundstelle zeigen.

    Wissenswertes

    • 17.08.1943: Größter Bombenabwurf auf Regensburg. Ziel: die Messerschmidtwerke im Stadtwesten (Operation Double Strike). Allein an diesem Tag: 448.125 kg Brandbomben und 971.25 kg Sprengbomben
    • 2015: 64.000 kg Kampfmittel in Bayern gefunden und beseitigt
    • 2018: 120.000 kg in Bayern Kampfmittel gefunden und beseitigt.

     


    Die „Nachgefragt“-Reihe

    • gepostet am: Montag, 03. August 2020

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    © Regensburger Stadtzeitung