
Nachgefragt | Der stille Tod von Russlands Wäldern
Bildunterschrift: Ca. 4 Millionen Bäume sollen im letzten Jahr illegalen Rodungen in der russischen Taiga zum Opfer gefallen sein.
Die Regensburger Stadtzeitung hat bereits im Mai über IKEAs Mitverantwortung an illegalen Rodungen in den Karpaten Osteuropas berichtet. Nun hat sich die ARD am 15.07.2021 im Format „Kontraste“ mit weiteren fragwürdigen Aktivitäten in russischen Wäldern auseinandergesetzt.
In unserer Maiausgabe („Umweltzerstörung im Dienste von IKEA?“, RSZ 05/2021) berichteten wir über Kahlschlag in den Karpaten. Darin verwickelt: Der Möbelriese IKEA. Die Korruption in Rumänien und der Ukraine begünstigt illegale Abholzungen, die die letzten europäischen Urwälder und den Lebensraum zahlreicher Tierarten zerstört. Trotz Nachhaltigkeitsversprechen gelangt auch solches Holz über IKEA in unsere eigenen vier Wände. Der Konzern gibt sich grün. Doch dieses Image will nicht so recht zu den Vorwürfen passen.
Die ARD berichtete am 15.07.2021 über ähnliche Vorwürfe in der russischen Taiga. Wer an Urwälder denkt, sieht meist nur die Regenwälder des Amazonas. Die Urwälder Russlands sind ein ebenso wichtiger Faktor für das Klima. Auch hier wird Raubbau betrieben. Die britische NGO „Earthsight“ untersucht den mutmaßlichen illegalen Holzschlag. Die Vorwürfe sind hart: Das Kiefernholz für Kindermöbel des schwedischen Konzerns IKEA, die in Indonesien produziert werden, sollen aus geschützten russischen Wäldern stammen und illegal geschlagen worden sein. Ca. vier Millionen Bäume fielen diesen Rodungen zum Opfer. In Russland sind alle Wälder in Staatsbesitz. Die Regierung vergibt die Lizenzen zum Abholzen.
Russlands Urwälder leiden unter dem schonungslosen Umgang mit der Natur.
Gesunde Bäume werden als krank markiert
Diese Lizenzen werden augenscheinlich im großen Stil verwendet, um auch geschützte Waldgebiete zu roden. Der Trick ist denkbar einfach: Man deklariert Bäume als krank und schlägt sie. So erreicht man eine zehnmal größere Holzmenge als ursprünglich möglich. Das Problem: Wie verkauft man illegal geschlagenes Holz auf dem internationalen Markt? Auch hier haben die Hehler Mittel und Wege. Das Holz wird zwischen den verschiedenen Firmen desselben Oligarchen verschoben und verkauft, bis die Spuren des Ursprunges verwischt sind, und findet dann seinen Weg nach Indonesien, wo IKEA-Möbel gefertigt werden.
Einige der Firmen sind FSC-zertifiziert – FSC ist das prestigeträchtige Gütesiegel für legale, umweltfreundliche und korruptionsfreie Holzgewinnung, mit dem auch IKEA seine Nachhaltigkeit attestiert. Die ARD berichtet, dass FSC seit März 2021 in Russland strengere Kontrollen anstrebt, auch der schwedische Möbelhersteller distanziert sich von russischen Oligarchen, die das illegal geschlagene Holz in Umlauf bringen.
Der Bund Naturschutz distanziert sich vom Kahlschlag Und welche Meinung vertreten die bayerischen Naturschützer? Dr. Ralf Straußberger, Wald- und Jagdreferent des BUND Naturschutz e.V., bezieht so Stellung: „Es handelt es sich dabei um ein internationales, weltweites Problem des illegalen Holzeinschlags/-handels. Vor allem in Ländern mit korrupten Staatswesen wie Indonesien oder Russland.“ Der Verein ist Mitglied bei FSC Deutschland. In Deutschland funktioniere FSC, könne aber in anderen Ländern kein funktionierendes Staatswesen ersetzen. „Einige Punkte, die von Earthsight kritisiert wurden, werden bei FSC weltweit schon umgesetzt bzw. sind in der Erprobung zur Verschärfung des Regelwerks. Diese Mängel in dem russischen Forstbetrieb wurden vom Auditor schon vorher entdeckt. Deren Abschaffung wurde auch angemahnt und im Falle der Nichterfüllung drohte die Kündigung. So war das Zertifikat schon vor Veröffentlichung dieser Berichte terminiert, d.h. gekündigt. Im Übrigen sind diese Wälder immer noch PEFC zertifiziert.“ Wie will der Bund Naturschutz nun aktiv werden? „Wir werden uns als BN zusammen mit anderen auf nationaler Ebene aktiven Akteuren auch zu IKEA austauschen, und nach Prüfung überlegen, wie wir uns dazu äußern. Zudem werden wir auch mit anderen Organisationen bei FSC International darauf drängen, dass FSC die Vorgänge lückenlos aufklärt und dann die Standards, Prozesse und Kontrollen verbessert“, so Dr. Straußberger.
Wie verstrickt ist IKEA in die Abholzung des russischen Urwaldes?
© Lukas N. Wuttke
Wie die Stadtzeitung schon vor einigen Monaten berichtete, scheint IKEAs Distanzierung von diesen illegalen Strukturen fragwürdig. Es handelt sich immer noch um den größten Holzverbraucher der Welt und kaum ein Haushalt besitzt kein Möbelstück des Konzerns. IKEAs vollmundiges Nachhaltigkeitsversprechen also nichts als eine dicke Lüge? Die öffentlich zugänglichen Dokumente und Nachweise der Kontraste-Dokumentation sprechen da ebenso wie unsere eigenen Recherchen eine ziemlich deutliche Sprache. (pt/lnw)
Zum Artikel „Umweltzerstörung im Dienste von IKEA?“
Zum Artikel „Der Hundestrand am Pielmühler Wehr: Beamtenmikado contra Umweltschutz“
Zum Artikel „Regensburger Unterwelten“
Die „Nachgefragt“-Reihe
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- gepostet am: Montag, 02. August 2021