Corona-Dult 2021 | Erst der Rasen, dann der Mensch

Corona-Dult 2021 | Erst der Rasen, dann der Mensch

Bildunterschrift: Ersatz-Dult-Tristesse 2020: Das einsame Riesenrad auf dem Ernst-Reuter-Platz.

 

Nach wie vor hat die Corona-Pandemie – u.a. wegen des Totalversagens der EU bei der Impfstoffbeschaffung – Deutschland fest im Würgegriff. Lockdown reiht sich an Lockdown. Und auch wenn es die Stadt noch nicht offiziell zugeben will: Natürlich ist hinter den Kulissen auch die Maidult längst abgesagt. Stattdessen soll wieder eine Art Ersatz-Dult stattfinden. Wie schon letztes Jahr zur gleichen Zeit ist hierzu die Ideenlage aber eher dünn. Die Stadt will eine endgültige Entscheidung über Art und Umfang der Veranstaltung erst Mitte April fällen. Ist ein Monat genug Vorlaufzeit für die Standbetreiber, um ein durchdachtes Fest auf die Beine zu stellen? Die Stadtzeitung zweifelt.

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Dezentral soll sie werden, über die Altstadt verteilt. „Falls das Infektionsschutzrecht dies zulässt“, schreibt die Pressestelle der Stadt. Aber eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Das nächste – und wahrscheinlich letzte – Gespräch der Stadt mit den Dultbeschickern findet Mitte April statt. Was dauert da so lange? Welche Probleme gibt es? Welche Plätze sind im Gespräch? Die Antworten der Stadt sind kürzer als die Fragen und nichtssagend. Auch auf wiederholte Nachforschung folgt nur der Satz: „Sobald dieses Konzept vorliegt, wird es der Öffentlichkeit vorgestellt.“

Der leicht hilflosen Wortkargheit der Pressestelle setzt der Sprecher der Marktkaufleute, Walter Metzger, offene und ehrliche Kommunikation entgegen. Mit „Pfannen Metzger“ vertreibt er seine Pfannen und Töpfe normalerweise auf der Dult und hofft noch immer auf ein diesjähriges Stattfinden. Bei den oben genannten Gesprächen war er dabei. Auf der größeren Seite des Dultplatzes soll nach seinen Angaben eine Warendult stattfinden, vielleicht mit einem Riesenrad mit geschlossenen Gondeln. Auch auf dem Neupfarrplatz und dem Kassians-Platz könnten ab dem 15. Mai Händler ihre Stände eröffnen. Die Idee dabei ist: Die Stände bleiben nicht nur zur Dult-Zeit dort stehen, sondern sogar bis in den Herbst hinein. Die Standbetreiber wechseln alle zwei Wochen durch, sodass jeder die Möglichkeit hat, sich an der Ersatz-Dult zu beteiligen. Das wäre immerhin etwas, meint Metzger. „Die Schausteller sind auch am Ende. Es gibt in ganz Deutschland keine Messen. Und auf Obst- und Gemüsemärkten dürfen wir uns nicht dazustellen. Es schaut leider nicht gut aus. Der ein oder andere Händler hat seinen Laden schon verkaufen müssen“, so Metzger. Ob sich solch ein Konzept überhaupt rechnet, fasst die Stadtzeitung bei dem Sprecher der Marktkaufleute nach. Der meint: „Wenn der ganze Einzelhandel in der Altstadt geschlossen hat, ist nicht mit vielen Kunden zu rechnen. Wenn, dann geht es nur miteinander. Es bringt ja auch nichts, wenn ich mich auf dem Dultplatz alleine hinstelle.“ Aber das letzte Wort habe ohnehin das Virus: „Wenn man sich die Zahlen anschaut, schwindet die Hoffnung leider immer ein bisschen mehr“, so Metzger in düsterer Vorahnung.

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Aber irgendwie kommt uns dieses Konzept verdächtig bekannt vor. Einzelne Buden und Stände. Rotation alle zwei Wochen. Riesenrad irgendwo, wo gerade Platz ist. Ach ja, das gabs letztes Jahr schon einmal! „Dezentral“ war das Zauberwort. Klang schön. Und erweckte zumindest kurz die Hoffnung auf kreative Phantasie. Was dann allerdings herauskam, war – nun ja – eher ernüchternd: eine lieb- und planlose Verteilung von irgendwelchen Ständen in der Stadt. Hingeklotzt dort, wo sie zumindest nicht störten. Wir denken da voller Mitleid z.B. an das bedauernswerte Kinderkarussell zurück, das auf der weitläufigen Plattenödnis des Neupfarrplatzes so wirkte, als hätte es die Hand eines Riesen mal kurz dort abgelegt und dann vergessen. Und weil Kinder in einer Stadt, die sich in ihrem Innenbereich selbst zunehmend entvölkert hat, so rar sind wie Steinpilze in der Sahara, fuhr das arme Karussell Runde um Runde meist alleine. Nur argwöhnisch beäugt von einem auf neorustikal getrimmten, nicht minder einsamen Brezenstand, den besagter Riese – wohl um eine Art lustigen Kontrast zu schaffen – als stummes Mahnmal neben das grotesk gegen die Melancholie des „lost place“ anbimmelnde und blinkende Fahrgeschäft rangeschnippt hatte.

Nicht anders das Bild ein paar dezentrale Meter weiter am Ernst-Reuter-Platz: In einer tristen, menschenleeren Baugrube drehte ein Riesenrad meist einsame, große bunte Kreise in den Himmel. Das sah nur abends schön aus. Am Tag kam da selten so etwas Ähnliches wie Stimmung auf. Soll das jetzt alles wieder so kommen? Was Regensburg jetzt bräuchte, wäre ein guter Plan. Doch die Gefahr ist groß, dass die Zeit jetzt schon wieder viel zu knapp ist, um einen wirklich großen Wurf zu landen. Der eine Monat zwischen der potenziellen Genehmigung der Dult und ihrer Eröffnung lässt vermutlich nur wieder Zeit, um irgendwelche Buden irgendwo abzustellen. Nicht mehr. Dabei gab es letztes Jahr privat organisierte und finanzierte Beispiele, wie sich aus einer Not eine stimmungsvolle Tugend machen lässt: Der Sommergarten im Stadtpark, betrieben vom Hahnzelt-Betreiber Michael Hahn, war ein voller Erfolg und wurde von den Regensburgern dankbar angenommen! Das brachte in bedrückende Zeit etwas Farbe, Lebensfreude und Stil! Warum also nicht noch einmal diesem erprobten Konzept eine Chance geben? Die Stadt druckst auf unsere Nachfrage verlegen herum, verweist mit Sorgenfalten auf eine womöglich zu starke Beanspruchung des Rasens. Wir sind baff. Klar! Rasen geht vor Volksvergnügen! Wo kämen wir denn da hin, wenn eine Grünanlage, die dereinst zur Erholung und Erbauung der Bevölkerung angelegt wurde, auch heute noch für diese niederen Zwecken genutzt würde! Wenn alles nicht so traurig und so typisch Regensburg wäre, man könnte brüllen vor Lachen!

3Gelungen: Michael Hahns Sommergarten im Stadtpark wurde 2020 zum Lichtblick in  nsterer Zeit. Eine Neuau age sieht die Stadt aber skeptisch: Der Rasen könnte leiden ...
© M. Pillhatsch

Doch Michael Hahn lässt sich davon nicht unterkriegen. Er ist schon wieder fleißig am Vorbereiten. Für den Fall, dass eine Ersatz-Dult stattfinden kann. „Wir müssen planen, sonst sind wir zu langsam“, erklärt er. „Wir planen gerade das, was die höchste Wahrscheinlichkeit hat, genehmigt zu werden. Und das ist dezentral. Mit viel Grünfläche und viel frischer Luft. Es geht auch nicht um das große Geld, sondern darum, die Mitarbeiter zu halten“, versichert der Vollblutgastronom. „Nicht einfach zurücklehnen und aussitzen“, schiebt er kämpferisch nach.

Alfred Glöckl, normalerweise ebenfalls Bierzeltbetreiber auf der Regensburger Dult, ist zuversichtlich, dass die geringe Vorbereitungszeit kein Problem darstellt. Es handele sich ja nur um eine dezentrale Dult. „Man kann alles immer besser machen“, sagt er, „man muss es aber auch umsetzen und ausführen können. Die Stadt prüft alle Sachen sehr sorgfältig und wenn es umsetzbar ist, dann wird es auch gemacht.“ Wir sind gespannt und werden berichten. (lnw)


Lesen Sie auch den Dult-Artikel vom letzten Monat und vom folgenden Monat

Zum Artikel „‚So ein scheiß Durcheinander!‘ – Ein Stimmungsbild beim Regensburger Impfzentrum“

Zum Artikel „Nach Stadtzeitungsbericht: Dieselstraße endlich müllfrei“


Die „Nachgefragt“-Reihe

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  • gepostet am: Donnerstag, 01. April 2021

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