Mehr Klartext wagen! | Warum der tiefe Fall von Joachim Wolbergs zur Dauerbelastungsprobe für die neue Stadtregierung wird – ein Kommentar

Mehr Klartext wagen! | Warum der tiefe Fall von Joachim Wolbergs zur Dauerbelastungsprobe für die neue Stadtregierung wird – ein Kommentar

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Zweifellos: Der tiefe Fall von Joachim Wolbergs offenbart große menschliche Tragik. Gut zehn Jahre schleppt sich nun schon Prozess zu Prozess, reiht sich Urteil an Urteil. Zwischenzeitlich ist der ehemalige Regensburger Oberbürgermeister (damals noch SPD) wegen Bestechlichkeit rechtskräftig vorbestraft. Im bislang letzten – noch nicht rechtskräftigen – Verfahren wurde er vom Landgericht München obendrein zu einer 30-monatigen Haftstrafe ohne Bewährung wegen Vorteilsannahme verurteilt. Hintergrund aller bisherigen Verfahren sind u.a. verschleierte Spenden im hohen sechsstelligen Bereich aus der Bauträgerbranche und ein offenbar sehr günstig saniertes Wochenendhaus. Auch in dem nun knapp zwei Wochen zurückliegenden Verfahren beteuerte Wolbergs mantraartig seine Unschuld und griff zusammen mit seinem Anwalt Peter Witting die Justiz und insbesondere die ermittelnde Staatsanwaltschaft erneut scharf an.

Mit dem erwähnten Urteil erreichte die persönliche Katastrophe des einstigen Sonnyboys der Regensburger Lokalpolitik ihren bisherigen Höhepunkt. Offenbar erwartete er, trotz oder gerade wegen seiner äußerst konfrontativen Verteidigungsstrategie, ein deutlich milderes Urteil, womöglich sogar einen Freispruch.

Seine Verzweiflung, dass es nun anders kam, ist deutlich sichtbar, zuletzt regelrecht zelebriert in einer Pressekonferenz vor ein paar lokalen und überregionalen Journalisten. In dieser äußern sich er und sein Anwalt Witting einmal mehr erbost und fassungslos über das Münchner Urteil. Von „unfair“ bis „skandalös“ reichen da die Vokabeln und Wolbergs bekennt offen, dass er kein Vertrauen mehr in den Rechtsstaat habe und mit diesem Staat generell gleichsam durch sei.

Angeblich, so Wolbergs, erfahre er nahezu ausnahmslos Trost und Zuspruch aus der Bevölkerung. Andere Stimmen gäbe es seiner Meinung nach, wenn überhaupt, eigentlich nur anonym und diese dann bevorzugt in den sozialen Medien.

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Doch hier irrt Wolbergs. Die Stadtgesellschaft ist in ihrer Einschätzung gegenüber Wolbergs durchaus reflektierter, als er sie in seiner „Bubble“ wahrnimmt. Und sie ist in ihrer Bewertung der Ereignisse durchaus zwiegespalten. Natürlich äußern viele ihr Mitgefühl für einen ganz offensichtlich sehr Leidenden. Doch dieses Mitgefühl mischt sich bei sehr vielen Regensburgern mehr und mehr auch mit Unverständnis, ja sogar Zorn über ein sehr isoliertes Rechtsverständnis und eine offenbar komplett fehlende Selbstreflexion von Joachim Wolbergs. Und – auch dies sollte man nicht verschweigen – vielen ist das auf großer Bühne so intensiv zelebrierte Selbstmitleid einfach eine Spur zu dick aufgetragen, seine geradezu märtyrerhafte Selbstinszenierung als geschundenes Justizopfer bisweilen penetrant.

Doch niemand will einen am Boden liegenden Menschen belehren oder schelten. Im Gegenteil: Man hofft für ihn, dass er irgendwo einen sicheren Rückzugsort für Schutz, Rückhalt und Erholung finden möge. Vielleicht auch die nötige Ruhe zur inneren Einkehr und Selbstbesinnung.

Doch Wolbergs giert förmlich nach Öffentlichkeit – und macht so eine nicht unerheblich große Zahl an Bürgern in der Stadtgesellschaft regelrecht fassungslos. Mehr noch: Die Selbstverständlichkeit, mit der Wolbergs sein Stadtratsmandat wahrnimmt, in seiner Partei („Die Brücke“) den Stuhl des Fraktionsvorsitzenden besetzt und sich offenbar ohne jede Scheu und Scham vom Stadtratsgremium in diverse Aufsichtsratsposten hieven lässt, erregt inzwischen sogar offene Empörung.

Und das ist wenig verwunderlich: Der Mann ist rechtskräftig wegen Bestechlichkeit vorbestraft. Er hat sich öffentlich von unserem Staat und unserem Rechtssystem (– so nebenbei einer der wichtigsten Grundpfeiler unserer Demokratie –) losgesagt und wird – auch nach der Erwartung seines eigenen Anwalts – aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit eine längere Haftstrafe wegen Vorteilsannahme antreten müssen.

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Welches Bild von Moral in der Politik entsteht dadurch in der Öffentlichkeit? Und welches verheerende Schlaglicht wirft es auf eine taufrische Koalition, deren einflussreicher Bestandteil Joachim Wolbergs nun ist und die mit hehren Zielen bezüglich Transparenz, Korruptionsbekämpfung und vor allem auch ihrer ostentativen Abgrenzung zu ihrem erklärten Demokratiefeind Nr. 1, der AfD, kürzlich angetreten ist, Regensburg in eine gute Zukunft zu führen?

Wer immer schon wissen wollte, wie bei den Bürgern Politikverdrossenheit entsteht, der findet im „Fall Wolbergs“ ein bemerkenswertes Lehrbeispiel!

Joachim Wolbergs hätte der Stadt, sich selbst und bestimmt auch seiner Familie einen großen Dienst erwiesen, auf diese Demonstration realitätsentrückter, egoistischer, vielleicht sogar selbstverliebter Ignoranz zu verzichten.

Denn er wird, solange er dieser Koalition angehört, ihre Achillesferse sein. Völlig unverständlich, dass der neue Oberbürgermeister Burger mit so einer zentnerschweren Hypothek am Hals in seine gerade begonnene Amtszeit starten will.

Joachim Wolbergs indes kann einem menschlich leidtun. Bedauern aber muss man ihn – gerade wegen dieser verstörenden Handlungsweise – wohl eher nicht.

Dass es auch anders geht, konnte man vor der Wahl bei der CSU beobachten:

Eine der Untreue und Unterschlagung verdächtigte CSU-Stadtratskandidatin verzichtete nach Bekanntwerden der polizeilichen Ermittlungen postwendend auf ihre Kandidatur, um Schaden von Stadt und Partei abzuwenden. (pk)

 


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